Aus dem Tagebuch einer Mutter

 

Im Wald, da wohnen die Räuber  – und manchmal auch schlecht gelaunte Kleinkinder

 

Ausschlafen und Nichts-Tun? Für eine junge Familie mit Kleinkind ist das im Wochenend-Programm keinesfalls vorgesehen. Unterhaltung und Bespaßung steht auf der Agenda – und wie so oft der Wunsch, dem Nachwuchs eine ganz besondere Freude zu bereiten. Doch der hat dabei auch seine eigenen Vorstellungen. Kolumnistin Sabine R. berichtet der neuen WOCHE in Australien über einen gemeinsamen Ausflug in den Märchenwald.

Vorab ein wichtiger Hinweis: Wenn Deine knapp dreijährige Tochter sagt, „Ich will auf das Micky-Maus Auto“, das am Eingang des Märchenwaldes steht, sage niemals folgende Worte: „Nein, da gehen wir erst ganz zum Schluss hin.“ Fataler Fehler, es dann auch noch exakt so in die Tat umzusetzen. Ein schreiendes übelst gelauntes Kleinkind - und erst eine halbe Stunde später kamen wir dann auch endlich dazu, den Märchenwald Altenberg im Bergischen Land genießen zu können. Ob die plötzliche Ausgeglichenheit des Kindes dann tatsächlich damit in Zusammenhang zu bringen war, dass nach knapp einer halben Stunde und circa sechs verpasster spannender Märchen ein Spielplatz auf uns wartete oder ob sich M.M. einfach genügend ausgeweint hatte, ist schwer einzuschätzen. 

Der Spielplatz beruhigte M.Ms Gemüt zumindest binnen Sekunden und ja, natürlich freut man sich als Elternteil immer sehr, wenn das einzig Interessante an einem kostspieligen Besuch eines Freizeitparks ausgerechnet da zu finden ist, wo Kinder Tauben hinterher rennen (Zoo), auf Spielplätzen herumturnen (Märchenwald) oder mit kleinen Stöckchen in der Erde rumpulen können (wieder der Zoo). Allerdings wirkte der liebevoll gestaltete Spielplatz insoweit, dass sich alle Ausflügler wieder beruhigten. Dreißig Minuten „Motzen“ in Abwechslung mit sturer Esel spielen (sich nicht vom Fleck bewegen) und zwischendurch immer mal wieder ein paar herzzerreißende Schluchzer, bewegen natürlich auch die Gemüter aller anwesenden Erwachsenen. Also, dreimal auf das Holz des Klettergerüstes geklopft und weiter ging es in Richtung „Tischlein deck dich“.

 

Impressionen Märchenwald


Wie man an der Kindertraube rund um den verprügelten Gastwirt erkennen konnte, war dies das unschlagbare oder eher das durchschlagende Lieblingsmärchen vieler Kleiner verschiedener Kulturkreise. Um die berühmte Szene des „Knüppel aus dem Sack“ anzuschauen, begibt man sich in einen kleinen Gang eines Märchenhauses und zack, nur einen Knopfdruck später saust unter lautem Jubel der Kinder der Knüppel aus dem Sack und direkt auf das Hinterteil des treulosen Wirtes. Ein Spaß für die ganze Familie. Man merkt, Kinder empfinden Märchen noch ganz anders und viel natürlicher als wir verkrampften Erwachsenen. Nicht, dass daraufhin meine Tochter zuhause die Katze mit einem Knüppel aus dem Sack durch den Garten jagen würde, aber immerhin hat diese ihr auch keinen Sack mit Gold, kein Tischlein-Deck-dich und keine Familie gestohlen. Gerechtigkeit ist bei Kleinkindern hoch im Kurs und weiter geht es zu Hänsel und Gretel.

Frust + Freude im Märchenwald


 

Die Hexe sieht wahrhaft zum Fürchten aus. Der Künstler hatte sich alle Mühe gegeben, eine wirklich unansehnliche, garstige, alte Frau zu erschaffen. Eine wahre Bilderbuchhexe quasi. Eine künstliche unechte Hexe? Natürlich vollkommen uninteressant für meine Tochter, die viel lieber zu der Weide mit den echten und zudem noch süß aussehenden Ziegenkindern möchte.

Selbstverständlich ging auch das nicht ohne Hindernisse, denn viele Kinder – nur nicht meine Tochter – haben von ihren Eltern direkt am Eingang des Märchenwaldes Ziegenfutter aus dem dafür zur Verfügung stehenden Automaten erhalten. Der leere Futterautomat neben uns trübte die Laune meinerTochter aber nicht im Geringsten und so klaubten wir am Ende in Gemeinschaftsarbeit das in Eile von den Kindern den Ziegen zugeworfene und heruntergefallene Futter auf und boten es, auf unseren Handflächen ausgestreckt, den Ziegen zum Fraß an. Schnell noch ein paar Papiertaschentücher zerknüllt und der immer-hungrigen Ziege in den Rachen geworfen. Nein, keine Sorge, hier muss niemand um das Wohlergehen der Märchenwald-Zicklein bangen, denn in diesem Falle handelte es sich um eine lustige Märchenfigur, im Grunde ein umfunktionierter Staubsauger im Körper einer Ziege, die nun für ihr Leben lang gerne den Müll der Besucher aufsaugt. Wenn das nicht kreatives Müll-Management ist! Würden derartige Mülleimer auch außerhalb des Märchenwaldes zu finden sein, kein Krümel Müll läge wohl mehr auf den Böden der großen und kleinen Städte.

So wunderschön der Märchenwald auch ist, für ein noch nicht ganz dreijähriges Kind sind Spielplatz, Ziegen und Karusselle dann doch viel interessanter, als es jedes noch so kreativ gestaltete Märchen sein könnte. Und so kommen wir nach einem nur kurzen Besuch dann wieder zum Ausgang und dem herbeigesehnten Höhepunkt des Ausflugs: dem Micky-Maus Auto. Schnell kletterte M.M. auf den Sitz, schnell warf ich eine Münze ein, schnell ratterte das Auto auf der Stelle los und noch schneller bekam M.M. Sorgenfalten auf ihrer Kleinkindstirn und schnell – jetzt aber ganz schnell – musste ich sie von diesem angsteinflößenden, laut ratternden, zuckelnden Ungetüm befreien, und schnell sank das arme Kind in die rettenden Arme seiner Mutter.

Lieber kreiste M.M. noch einige unzählbare Runden auf dem wohl kleinsten und langsamsten Karussell der Welt, aber das fuhr immerhin leise und hatte noch andere Kinder mit an Bord. Zusammen macht eben doch stärker als alleine. So neigte sich ein sehr abwechslungsreicher Ausflug ins schöne Märchenland dem Ende zu und lehrte uns vor allem das eine: Wer besonders laut schreit, lockt Rumpelstilzchen ans Fenster, lässt Rapunzels Haar vom Turm hinabfallen und kommt früher oder später (manchmal eben auch zu spät) auf das Micky-Maus Auto, das gar nicht mal so schön ist, wie einst erträumt. Wie in jedem Märchen, hat eben auch der Märchenwald seine furchterregenden Passagen.

 

Sabine R.

Impressionen Märchenwald


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Wer sich näher über den Märchenwald informieren möchte, hier der link: