#demographischerwandel #mehrgenerationenwohnen 

Wohnprojekte im demographischen Wandel

 

Der demographische Wandel und die Individualisierung des Lebens in den modernen Gesellschaften erfordern neue Formen eines generationenübergreifenden Zusammenlebens, sollen sich die Fähigkeiten von Jungen und Alten positiv ergänzen. Im Ergebnis verschiedener Experimente kristallisierten sich verschiedene innovative Modelle heraus; denn #Mehrgenerationenwohnen, wie im vormodernen, eher ländlich geprägten und familiengebundenen Umfeld ist mit unseren Industriegesellschaften nicht mehr vereinbar:

  • Aufnahme von Studenten in Seniorenresidenzen
  • Neubau von Mehrgenerationenhäusern durch Kommunen
  • genossenschaftliche, kommunal geförderte Projekte.

Dass diese gut ankommen, zeigt die steigende Nachfrage nach Teilnahme an solchen Wohnprojekten. So gibt es Beispiele hierfür quer durch Europa:

  • Seniorenresidenz "Saint Martial" im Zentrum von Limoges
  • sozialwohnungsbaugeförderte Mehrgenerationenhäuser im Bereich größerer Städte, wie Basel (CH), Hamburg, Quickborn und Berlin (D) oder
  • Projekte mit erweiterten gesellschaftlichen ("gemeinsamalt werden") und  ökologischen (z.B.Reduzierung des Bedarfs an Kraftfahrzeugen) Komponenten (Bonn, (D)).

 

Im Interview (unten) stellen wir Ihnen eines der Projekte für ein generationen-übergreifendes Wohnen vor, das soziale, ökonomische und ökologische Aspekte vereinigt, das Wohnprojekt Amaryllis in Bonn.

 

 

 

Interview mit Herrn Gerd Hönscheid-Gross (GHG) von der Amaryllis eG - MehrGenerationenWohnen

 

„Unsere Vorstellung war und ist, gemeinsam undgenerationenübergreifend gut zu wohnen“

 

 

Aus dem Gedanken, über alle Lebensalter zwischen alltäglicher nachbarschaftlicher Hilfe und ökologisch-nachhaltiger Lebensvision gemeinsam gut wohnen zu können, schlossen sich junge und ältere Menschen in einer Genossenschaft zusammen - die Amaryllis eG.

Die Amaryllis eG - MehrGenerationenWohnen - zählt heute rund 70 Menschen zwischen 1 und Mitte 80, die seit 2007 in 3 Häusern mit 33 Wohn-Einheiten in einer bunten Palette sozialer Lebensformen am rechtsrheinischen Bonner Stadtrand inmitten einer jungen Wohnsiedlung leben.

 

 

Das Interview führte Michael Gerhards für "Die neue Woche in Australien" (DNW)

 

DNW: Das offene, einladende Grundstück des Wohnprojekts Amaryllis fällt sogleich auf. Warum wird das Wohnprojekt „Amaryllis“ genannt?  

GHG: Als wir uns in einer kleinen Gruppe zusammenfanden, um Ziel und Zweck eines zu gründenden Vereins abzustimmen, stellte sich auch die Frage nach dem Namen unseres Wohnprojekts. Jemanden fiel während dieser Diskussion eine Amaryllis auf, die auf dem Wohnzimmertisch stand, und schlug vor, unser Projekt nach dieser Pflanze zu benennen. Da unsere Genossenschaft „Amaryllis e.G.“ den Namen übernahm, erhielt der Verein „Amaryllis e.V.“ eine neue Zweckbestimmung und wurde in „Wohnen im Quartier e.V.“ umbenannt. Seit 2007 leben wir in 3 Häusern mit 33 Wohneinheiten nachbar-schaftlich und solidarisch zusammen. „Wir“, das sind Menschen vom Babyalter bis Mitte 80.

 

DNW: Folgt das Wohnprojekt philosophischen, konfessionellenoder sonstigen gesellschaftspolitischen Vorstellungen?

GHG: Nein. Wir sind eine freie, von Politik, Ideologien und Konfessionen völlig unabhängige Genossenschaft. Unsere Vorstellung war und ist, gemeinsam und generationenübergreifend gut zu wohnen. Neben alltäglichem, nachbarschaftlichem Zusammenleben haben wir auch die Vision, dies ökologisch-nachhaltig zu tun. Wir haben uns hier auch zusammen gefunden, um im Alter im gewohnten Wohnumfeld bleiben zu können und weil jeder anderen behilflich sein kann oder eben auch einmal Hilfe von anderen benötigt - unabhängig vom jeweiligen Alter.

Ein Beispiel dazu, wie wir das angehen: aus dem Wort „praktisch“ haben wir ein Informationsmedium geschaffen namens „Prak.-Tisch“. Hierauf werden Zettel hinterlassen mit Angeboten oder Hilfegesuchen, z.B. „Ich habe Donnerstag Nachmittag Zeit und kann beim Installieren von Windows helfen.“ Oder „Ich benötige Hilfe bei...“. Dieser Tisch hilft auch dabei, die Hürde zu überwinden, die jeder hat, der um Hilfe bittet.

 

DNW: Wie gestaltet sich das nachbarschaftliche Zusammenleben der Bewohner in der Realität?

GHG: Gemeinsam zu wohnen, das erfordert Toleranz und Rücksichtnahme. Anfangs, in 2007/2008, als alles noch neu und ungewohnt war, traten größere Probleme auf, die wir mit externen Mediatoren versucht haben zu lösen.

Interessenten für frei werdende Wohnungen nehmen an einem  

Kennenlernprozess teil, der etwa drei Monate dauert. Wir erwarten dabei zuerst ein Bewerbungsschreiben, unter anderem mit Beschreibung der Beweggründe, warum jemand in unserer Gemeinschaft leben möchte. Danach folgt das eigentliche Kennenlernen in Kleingruppen unter aktiver Beteiligung an gemeinsamen Projekten, z.B. Reparaturarbeiten, Verwaltungsaufgaben und sonstiges.

Toleranz heißt bei uns auch, dass nicht alles von jedem erwartet wird, sondern dass sich jeder nach seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten einbringt. Dabei nehmen wir selbstverständlich Rücksicht auf die persönliche und berufliche Situation jedes Einzelnen.

Wir leben hier zu 70 Personen nachbarschaftlich zusammen; davon sind etwa 50 im Erwachsenenalter. Es gibt also genügend Möglichkeiten, sich zusammenzufinden für Gemeinsamkeiten. Es muss also nicht jeder mit jedem gleich gut können. Dafür sind Menschen einfach auch zu unterschiedlich - und dies wird von allen voll und ganz akzeptiert.    

 

DNW: Gibt es auch heute noch ernsthafte Konfliktsituationen?

GHG: Ja klar. Wir leben hier auch nicht auf einer Insel der Glückseligkeit. Wir versuchen im Bewerbungsprozess das Konfliktpotenzial zu minimieren. Ganz ausschließen können wir das aber nicht. Die Entstehung von zwischenmenschlichen Konflikten ist völlig normal. Das kann nicht ignoriert werden.

 

DNW: Und wie werden diese gelöst?

GHG: Wichtig ist in erster Linie Kommunikation - und auch die Fähigkeit, sich selber in Frage stellen zu können. Nach unseren anfänglichen Erfahrungen haben wir inzwischen ein allgemein akzeptiertes System zur Lösung von Konflikten etabliert. Dieses läuft intern ab, nicht mehr mit externen Mediatoren, wie anfangs. Hierzu haben sich Mitglieder als Ansprechpartner bereit erklärt. In den allermeisten Fällen konnten wir die Konflikte auch lösen. Nur in ganz wenigen, extremen Ausnahmen waren keine Lösungen möglich. Auch, wenn niemandem deshalb seine Mitgliedschaft in der Genossenschaft oder sein Mietverhältnis gekündigt werden kann, kam es dazu, dass die eine oder andere Partei die Gemeinschaft verließ und woanders hin zog.

 

DNW: Wie werden z.B. gemeinsame Projekte, Aufgaben geplant und die Einhaltung von Zielen überprüft? Geben Bewohner regelmäßig Feedback zum Wohnverhältnis?

GHG: Für die Genossenschaft gibt es die übliche Struktur: Vorstand, Aufsichtsrat und Mitgliederversammlung, z.B. zur Verausgabung von Mitteln. Wer stimmt zu, wer unterschreibt, das ist gesetzlich geregelt. Über die gesetzlichen, formalen Bestimmungen hinaus, haben wir aber noch eine differenzierte, informelle Arbeitsstruktur in Form von ca. zehn Arbeitsgruppen etabliert, die sich um das Gemeinschaftsleben kümmern und dem Vorstand zuarbeiten. Wichtige Entscheidungen werden nach der Methode des systemischen Konsensierens getroffen. Im Vordergrund steht dabei die Kommunikation und das Finden von Kompromissen. Bei hohen Widerständen geht es um die Frage, was geschehen muss, um genannte hohe Widerstandwerte abzusenken. Auf diese Art und Weise werden Lösungen erarbeitet, die für alle akzeptabel sind.

 

DNW: Haben Sie, also die Genossenschaft, eine Ausweitung des Projektes geplant?

GHG: Ja. Und zwar mussten wir erkennen, dass Mitbewohnerinnen auf Grund von hoher Pflegebedürftigkeit in eine Pflegeeinrichtung umziehen mussten. Das entsprach ganz und gar nicht unserer Idee, auch im Alter, eben bis zum Tod im gewohnten Umfeld bleiben zu können und nicht in ein Altersheim umziehen zu müssen. Aus diesem Grund denken wir darüber nach, unter dem Dach unserer Genossenschaft „Amaryllis e.G.“ auf einem benachbarten Grundstück ein weiteres Gebäude zu errichten, das neben weiteren Mehrgenerationen-Wohnungen eine Pflegewohngemeinschaft umfasst.

 

DNW: Abschließend, Herr Hönscheid-Gross, was gilt es außer dem Kennenlernprozess noch zu erfüllen, wenn jemand hier wohnen wollte?

GHG: Alle Mitbewohner/Innen hier sind Mitglieder derGenossenschaft. Um hier wohnen zu können, muss der Bewerber also Mitglied unserer Genossenschaft werden und einen Geldbetrag als rückzahlbare Einlage einzahlen. Die Höhe dieses Betrages richtet sich nach der Quadratmeterzahl der gewünschten Wohnfläche. Dann, als „Genosse“, mietet das neue Mitglied von der Genossenschaft eine entsprechend große Wohnung an.

 

DNW: Herr Hönscheid-Gross, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch und den freundlichen und informativen Rundgang durch Ihr Wohnprojekt.

 

Anmerkung: Weitere Informationenunter www.amaryllis-bonn.de