Neue WOCHE Erlebnisbericht:  

Als Pflücker auf einer Farm in Cobram.

 

Ein bequemes „Bett“ in einem leeren Haus.

Sydney – „Ihr schlaft auf dem Boden?!“ Ich spüre regelrecht das Entsetzen in den Augen meiner Freundin auf mir ruhen – und das durch den Telefonapparat hindurch. Doch keine zwei Wochen später hat Irina ihren Schlafsack neben mir auf dem Boden ausgebreitet und schläft tief und fest als sei es das natürlichste der Welt, kein Bett zu haben.

Für knapp drei Monate ist der Boden in einem leeren Haus unsere Schlafstätte. Gemietet haben das Haus in Cobram (Victoria) eine Gruppe befreundeter Koreaner. Sophie, unsere koreanische Freundin, die Irina und ich auf einer Farm in Mareeba (Queensland) kennengelernt haben, ist seit einigen Monaten unsere Reisebegleiterin. Sie ist über eine koreanische Webseite auf das zu vermietende leere Zimmer in einem leeren Haus aufmerksam geworden. Telefonisch wurde uns Arbeit auf einer nahe gelegenen Farm garantiert.

 

Schwere Jobsuche in der Hochsaison.

Für die Frauen ginge es in den „Shed“ zum Packen, leichtere Tätigkeit, versprachen ihr die Koreaner, sie selbst arbeiteten auf einer Farm für Pfirsiche, Äpfel, Kirschen und Nektarinen, sagten sie. Ich bin skeptisch. Nicht selten wird man als Rucksackreisender mit falschen Versprechungen gelockt – und die Aussicht, in einem Haus ohne Möbel zu leben, erweckt auch mein Misstrauen. Doch die Jobsuche in Melbourne als Working-Holiday-Reisender in der Hochsommersaison hat sich als schwer erwiesen, und der Lebensunterhalt ist teuer.

So stehe ich einen Tag später nach etwa zwei Stunden Zugfahrt von Melbourne aus, an der einsam gelegenen Haltestelle. Hier holen uns Marc und Joseph – wie viele Asiaten in Australien haben sie sich selbst alle englische Namen gegeben – im Auto ab. Sie nicken mir schüchtern und distanziert zu und sprechen ausschließlich mit meiner Freundin. Sie trauen sich nicht, Englisch zu reden. Für die ersten zwei Wochen übernimmt meine Freundin die Dolmetscherrolle – allerdings nur bis zu einem feuchtfröhlichen Abend, als meine neuen Mitbewohner merken, dass Bier ihre Englischkenntnisse um nicht geglaubte Fähigkeiten steigert.

Zu neunt leben wir nun in dem Haus ohne Möbel, ich teile mir ein leeres Zimmer mit Sophie und später mit Irina, die zunächst durch Tasmanien reist und uns dann wieder Gesellschaft leistet. Im Nebenzimmer schlafen zwei Koreanerinnen, die vier Männer teilen sich das Wohnzimmer. Geschlechterteilung ist Pflicht in dem Haus. Sophie gesteht mir, dass ihre Eltern glauben, es würden ausschließlich Frauen mit ihr reisen und leben – männliche Mitbewohner, sei es auch nur im Nebenzimmer, seien in ihrer Kultur inakzeptabel.

 

Neid auf Schlafgewohnheiten.

Fast neidisch macht mich die Gabe der Koreaner, sowohl in Küche, Wohnzimmer und Schlafzimmer – seien die Nebengeräusche der anderen Mitbewohner auch noch so laut – felsenfest schlafen zu können. Einmal die Augen geschlossen, scheint sie nichts aus ihrer Traumwelt herausreißen zu können. Ich hingegen wälze mich einige Nächte auf meinem Schlafsack auf dem Boden hin- und her, bis sich mein Rücken daran gewöhnt hat. Und schließlich erschöpft die Arbeit auf der Farm so sehr, dass auch ich mir die Gabe aneigne, überall tief und fest schlafen zu können – und auch mein Vorrat an Oropax erweist sich als sehr hilfreich.

Nach der ersten schlaflosen Nacht fahren uns die neuen Mitbewohner wie versprochen zu dem Shed und bitten die Chefin, uns anzustellen. Claire und Mary arbeiten dort bereits seit einigen Monaten. Die Chefin wirft einen skeptischen Blick auf uns. Sophie darfschließlich bleiben, ich nicht. Der Grund: Ich habe die falsche Hautfarbe. Europäerinnen möchte die Australierin nicht haben. Ich verstehe nicht wieso – bis mir Sophie einige Tage später berichtet, man behandele sie wie eine Sklavin. Ausschließlich Asiatinnen seien angestellt, denn die würden sich nicht wehren, erläutert Sophie. Sie denke nur an das Geld und das zweite Visum, das sie mit der Farmarbeit erreichen möchte – und lässt die Demütigungen wie alle ihre Kolleginnen schweigend über sich ergehen. Mit westlichen Kulturen sei sie stets aneinander geraten, gibt die Sklaventreiberin in ihrer Schamlosigkeit gegenüber den Angestellten offen zu.

 

Anstellung als Pflückerin.

Meine Reisebegleiterin darf also aussteigen, für mich geht die Suche weiter. Meine Mitbewohner fahren mit mir zu verschiedenen Farmen, aber überall erfolglos. Die Hauptsaison neigt sich bereits dem Ende zu, man braucht keine neuen Arbeiter. Ich mache mir Sorgen, als ich am Ende des Tages ohne Anstellung zu Bett gehe, doch die Koreaner versichern mir, ich solle mir keine Gedanken machen. Am nächsten Tag nehmen sie mich mit zu der Farm, auf der sie selbst als Pflücker arbeiten. In gebrochenem Englisch verkünden sie dem Farmer, dass ich eine neue Arbeiterin sei. Der Farmer widerspricht zunächst, er hat ebenfalls schon genug Angestellte. Meine Mitbewohner verhandeln weiter, schließlich darf ich bleiben. Als wir zwei Wochen später Irina mitbringen heißt es, das sei nun aber die letzte – ein wenig lachen muss er dabei trotzdem.

 

Der Tag beginnt um 4 Uhr: Aufstehen, mit dem Auto erst die Koreanerinnen im Shed absetzen, dann geht es weiter zur Farm. Um 5 Uhr beginnt das Pflücken, denn um die Mittagszeit soll Feierabend sein – dann wird die Hitze unerträglich. Und im Gegenteil zu manch anderer Farm sind die Farmer hier darauf bedacht, den Pflückern keine unmenschlichen Bedingungen aufzuerlegen. Wird es zu heiß, wird der Tag beendet. Heiß ist es zwar immer, aber bis zu 35 Grad lässt es sich aushalten. Geht die Quecksilbersäule des Thermometers auf die 40 zu, ist auch schon einmal um 11 Uhr Schluss mit Pflücken. Ohne „Bushman“ und Fliegenschutz geht es nicht: Bei Temperaturen von mindestens 35 Grad wird die Arbeit aufgrund kleiner Fliegen zu einem Nerven strapazierenden Abenteuer.

Erläuterungen unten


 

Juckreize bei der Pfirsichernte.

Etwa 30 Pflücker laufen mit ihren Körben vor dem Bauch geschnallt und der Leiter in der Hand von Baum zu Baum. Die vollen Körbe werden auf einem Anhänger ausgeladen. Ist der Anhänger voll, fährt ihn der Farmer oder Supervisor zum Shed. Nektarinen werden mir schnell die liebste Arbeit. Die Bäume sind niedrig, nicht so stark bewachsen, wie die der Pfirsiche, in denen sich auch viel Ungeziefer zwischen den Blättern versteckt. Zudem verursachen die Pfirsiche aufgrund ihres Säuregehalts einen extremen Juckreiz auf den Armen. Ständig kratzen sich die Pflücker in diesen Reihen.

Äpfel begeistern mich auch nicht besonders, denn die Bäume sind sehr hoch und ich zweifle jedes Mal, ob dieLeiter standhält. Absicherung durch einen anderen Pflücker gibt es nicht. Ferner kennen die Australier keine Scheu vor Pestiziden. Vor allem auf den Äpfeln wird damit nicht gespart. Teilweise sind die Früchte weiß von Chemikalien. Marc lässt sich davon nicht abschrecken und isst einen Apfel – zwar keinen weißen, aber einen ungewaschenen. Es dauert keine zehn Minuten, bis sein Gesicht mit roten Pusteln übersät ist. Einen Moment sorgen Irina und ich uns, dass wir einen Krankenwagen rufen müssen, doch die Reaktion klingt bald wieder ab – ohne weitere Nebenwirkungen. Mein Appetit auf die Früchte ist damit allerdings verschwunden.

Es ist nicht meine erste Farmarbeit in Australien und daher weiß ich, dass ich es mit dieser Farm gut getroffen habe: Wir werden nicht per Korb, sondern stündlich bezahlt. Der Stundenlohn liegt über dem Durchschnitt und die Supervisor und der Farmer sind freundlich. Die Einzigen, die nicht gut bezahlt werden, ist eine Gruppe von zehn philippinischen Arbeitern. Sie sprechen kein einziges Wort Englisch und werden täglich von einem ortsansässigen Philippiner in einem Van auf die Farm gefahren. Er ist derjenige, der von dem Farmer für die Arbeiter per Überweisung Geld erhält und die illegalen Einwanderer anschließend bar auf die Hand auszahlt – natürlich sehr zu seinen Gunsten. Die Gruppe verschwindet eines Tages in der Mittagspause. Von dem Farmer erfahren wir, dass die Immigrationsbehörde regelmäßig die Farmen überprüft – aber es wurde scheinbar angekündigt. Die Philippiner wurden jedenfalls gewarnt und tauchen einige Tage unter. Dann stehen sie wieder auf dem Gelände und pflücken fleißig, als sei nichts geschehen.

 

Anweisungen der Vorgesetzten.

„A little bit more colour“, „No soft fruits“, „triple check your trees“ – schreit Supervisor Ben täglich durch die Bäume und wirkt autoritär, zu Beginn fast Angst einflößend. Doch kurz darauf erzählt er einen Witz. Irina und ich lachen, auch wenn wir ihn nicht lustig finden. Es macht das Leben auf der Farm um einiges leichter.

 

Obst mit Nebenwirkungen.

Jack, der andere Supervisor, ist ein betagter Arbeiter mit langem weißen Bart und einer Kappe in Form eines Krokodils, wie es eigentlich Kinder tragen. Beim Klettern in die Bäume hinterlässt er eine Gaswolke – und für diejenigen, die es nicht gehört haben, betont er laut, dass der unangenehme Geruch von ihm stammt. Vielleicht liegt es auch an den Pfirsichen und Nektarinen – die sind inzwischen auch zu unserem Hauptnahrungsmittel geworden und hinterlassen langsam einige Nebenwirkungen. Der Grund für das massenweise Früchte essen liegt darin, dass zu weiche Früchte weggeworfen werden müssen. Sie würden beim Verpacken zerquetscht und bis sie in den Supermärkten landen, sind sie unverkäuflich. Essen wegzuwerfen geht gegen unsere Moral – also ernähren wir uns überwiegend von Früchten und lassen dafür die Lunchpakete Zuhause.

Eindeutig hat die lebenslange Pflückarbeit ihre Spuren bei Jack hinterlassen. Aber dementsprechend ist er auch abgehärtet, was uns das ein oder andere Mal sehr hilfreich ist, zum Beispiel als eine giftige Spinne hoch oben zwischen den Bäumen in ihrem riesigen Netz klettert und sich keiner traut, den Baum zu ernten. Auch Ben zeigt, dass er ein harter Bursche ist. Beim Transport der Früchte begegnet ihm eine Brown Snake – er lacht uns aus, als er merkt, wir sind beunruhigt. Und Guillaume, der Franzose, der panisch seinen Korb von sich wirft, weil eine große Spinne darin sitzt, verspottet er. Den Spitznamen „French Spiderman“ wird Guillaume nicht mehr los.

Während Jack seine Gase verbreitet, rülpst Ben unentwegt. Irina macht ihn darauf aufmerksam, dass das in Deutschland als ungehobelt gilt und er schlechte Manieren habe. Ob seine Ehefrau das nicht störe, möchten wir wissen. Ben guckt uns verständnislos an. Was daran so schlimm sei, fragt er. Seine Frau rülpse noch lauter als er.

 

Von heute auf morgen leben.

Es ist anstrengend, täglich früh aufzustehen, in Hunderte Bäume zu klettern und schwere Körbe zu tragen. Aber zugleich fühle ich mich entspannter als beim Reisen. Die Sonne erwärmt das Gemüt. Gedanken an die Zukunft sind in weite Ferne gerückt. Hier lebt man von einem Tag zum nächsten. Sorgen gibt es keine, denn die Unterkunft ohne Ausstattung ist billig und das Gehalt am Freitag gesichert. Feierabend ist spätestens um 3 Uhr, danach spazieren wir am Murray River, wo einige Working-Holiday-Touristen illegal campen, um Miete zu sparen. Oft ruhen wir uns auch nur im Haus aus, lesen Bücher, gucken Filme – die Festplatte der Koreaner umfasst eine größere Auswahl als die Videothek im Ort –, und sonnen uns imGarten.

An den Wochenenden wird Bier eingekauft – die Koreaner demonstrieren, dass sie um einiges trinkfester sind als wir Deutschen. Mit jedem Bier werden sie geselliger – nun unterhalten sie sich nicht mehr nur pantomimisch mit uns und Sophie braucht nicht mehr zu dolmetschen.

Es ist ein tränenreicher Abschied als es drei Monate später  Zeit wird, weiterzureisen. Unsere Mitbewohner fahren uns wieder zu der einsam gelegenen Bahnstation. Dieses Mal nicken sie nicht nur schüchtern. Sie umarmen uns und betonen, unbedingt in Kontakt zu bleiben. Nur wenige Wochen haben wir zusammengelebt, doch die Zeit erscheint uns unendlich lange und wir spüren, sie hat unser Leben geprägt. Als ich ein paar Jahre später länger als geplant auf meine neue Matratze warten muss, mache ich es mir auf dem Boden gemütlich. Wehmütig denke ich an die Zeit auf der Farm zurück und habe keinerlei Probleme, auf dem Boden in der neuen Wohnung in einen traumlosen, tiefen Schlaf zu sinken.

Nadine Halberkann 

 

Erläuterungen zu den Fotos (privat):   

  • Deutsche Lektüre zum Entspannen nach derArbeit: Die beiden Rucksackreisenden machen es sich auf ihrer ungewöhnlichen Schlafstätte gemütlich. Der Schlafsack ersetzt die Matratze, eine Decke ist bei der Hitze nicht notwendig.                  
  • Scheu vor Dreck ist ein Tabu: Eine verregnete Nacht hat Spuren hinterlassen. Um die Früchte pflücken zu können, bedarf es Geschick, die Leiter über der Schlammkuhle aufzustellen. 
  • Not macht erfinderisch: In dem spärlichen Haushalt ersetzt eine Bierflasche die Backrolle. Das Ergebnis lässt sich trotzdem sehen – und schmeckt hervorragend.
  • Picknick auf dem Boden: Die Mitbewohner feiern Joseph’s Geburtstag mit einer Torte und Bier.                                                                
  • Hoch hinauf heißt es beim Apfel pflücken: Dabei wird kein Sicherheitsschutz geboten. Es gilt, auf die Standhaftigkeit der Leiter zu vertrauen.
  • Pflücker bringen die Früchte zu dem Wagen. Supervisor Jack(r) hält ein Auge darauf, dass keine faulen Früchte geerntet werden.